Fünf Jahre her…

BEA_0461-blog

„Je komplizierter die Konstruktion, je besser, je aufwändiger die Verarbeitung, umso schöner.“ Diese bei anspruchsvollen Uhrenkennern gängige Bewertungsgrundlage diente auch mir in jüngeren Jahren dazu, mich mit Uhren zurechtzufinden  –  bis ich 1997 auf Ludwig Oechslin traf. Dieser kannte natürlich dieses gängige Schema zur Genüge. Es war dieses, welches ihn als Mathematiker, Astronomen, Uhrmachermeister und Konstrukteur in einer anderen Disziplin antreten liess. In einer, für die es in der Architektur, der Kunst und beim Produkte Design Massstäbe gab – allerdings noch nicht bei Uhren.

2003: „Die Anzeigen von Wochentag, Monat und Datum sind auf einer Linie, ein Jahreskalender bestehend aus nur 9 Teilen.“ So provozierte Oechslin bei einem Espresso mein sich noch immer hartnäckig haltendes Qualitätsempfinden bezüglich einer begehrenswerten Uhr. Wie könnte eine gute Uhr mit einer derart schlichten Konstruktion aussehen, fragte ich mich? Klassische Interpretationen gab es bereits zur Genüge. Es sollte eine angemessene Gestaltung für diese Technik geben  –  die Funktionalität eines Industriedesigns war unsere Lösung. Statt einer Adaption eine Uhr, welche ehrlich ihr Wesen zeigt, ein starkes und unverhandelbares Konzept! Ich kapierte in dem Moment, was Oechslin antreibt…

„Die Uhr ist puristisch und braucht einen puristischen Preis  –  CHF 5’000.“ Oechslins Vorgabe öffnete die Tür, den ganzen Vertrieb exklusiv über Embassy und das Museum zu machen sowie komplett auf Werbung zu verzichten. Die Innovation der MIH Uhr wird vom Käufer nicht bezahlt! Die Konstruktion der 9 Teile veröffentlichte Oechslin als Open Source und wurde in der MIH Uhr nicht kalkuliert. Oechslin löste damit die finanzielle Bremse, welche die Realisierung eines solchen Projektes hätte verhindern können. Pro verkaufter Uhr investiert Embassy CHF 700 direkt in Restaurationsprojekte des Museums  –  mit dieser Idee hat Oechslin eine neue, innovative Form der Geldbeschaffung kreiert.

Natürlich könnte der MIH Jahreskalender und die damit verbundene Unterstützung des Museums in Zukunft von grösseren Uhrenherstellern aufgenommen werden. Hier die Technik, dafür die Unterstützung der Kultur. Mal sehen…

Und was tat Oechslin an diesem 9.9.2005? Er arbeitete aus seiner Sicht historisch und präsentierte, mit mir zusammen, die MIH Uhr. Historisch?? Ludwig setzte sich an diesem Freitag mit einem Konzept auseinander, das zwar zu seiner vollsten Zufriedenheit an seinem Handgelenk funktionierte, allerdings in seiner Gedankenwelt bereits anderen Ideen Platz gemacht hatte. Er philosophierte an dem Tag über den Praxisnutzen eines Grossdatums und die daraus resultierende, aus seiner Sicht zweifelhafte ästhetische Proportion eines derart grossen Zifferblatteinschnittes. Seine Ausführungen führten in die Lösung der MIH Anzeige in einer Linie  –  in seiner Gilettasche tickte allerdings schon der erste Prototyp der anno cinquanta: ein Jahreskalender bestehend aus 3 Teilen, ohne Zuhilfenahme von Zahlen und Buchstaben, die intuitive Zeithorizontanzeige. „Seine“ wirkliche Neuheit konnte er somit damals noch nicht zeigen, die Auseinandersetzung mit der optimalen Anzeige musste an dem Tag genügen.

So gesehen ist die MIH Uhr die Bewertungsgrundlage für eine bessere, weil einfachere Idee. Oechslin hatte bei mir einen Ideenprozess ausgelöst, welcher nun bei ochs und junior weiter geht. Heute denken wir Uhren etwas romantischer. Wir geben uns die Freiheit mehrere Möglichkeit zuzulassen. Konzeptuhren, Einzelstücke, Experimente und Zeitmesser welche gradlinig Oechslins Lösungen sind.

Seit genau fünf Jahren gibt es die MIH Uhr nun schon, jede einzelne davon bei Paul Gerber gebaut. Das heutige Datum lässt uns zurückdenken und führt uns das Gelernte vor Augen  –  eine spannende Zeit!